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KIndeswohl oder

Wohl der Sozialkonzerne?

 

Achtung: neue Rezension!


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Zitate zum Reinschnuppern.....

‚Mama, eins sag ich dir: Ich werde sehen, dass ich Geld habe in meinem Leben. Das zuerst. Um alles andere kümmere ich mich später.‘

 

"Wenn Eltern ihre Mitwirkungspflicht nicht deutlich unter Beweis stellen: zack, ist ihre Chance vorbei. Wenn Jugendliche es versäumen, rechtzeitig ihren Antrag auf weitere Jugendhilfe-Unterstützung nach dem 18. Lebensjahr zu stellen: zack, geht gar nichts mehr. Was im Gesetz dazu steht, das kümmert niemanden.“

 

„Komm, Hannes“, sagte er und schlug dem anderen gönnerhaft auf die Schulter, „wir zwei können doch die Welt nicht ändern! Mach dich nicht fertig! Man kann nur seine eigene Arbeit gut machen, mehr nicht.“

 

"Da hast du keine Ahnung, was sich derzeit tut, mein Lieber. Wir müssen jetzt genauso rechnen wie jeder Betrieb, versteht du? Wir müssen kalkulieren, und zwar so knapp wie möglich. Was wir machen, muss sich rechnen, muss sichtbare Wirkungen zeigen, muss effizient sein"

 

"Hannes stand auf und verließ das Büro. Er brauchte frische Luft. Selbst die neblige Novemberluft tat ihm gut."

 

‚Steckt denen nicht auch noch Geschenke in den Rachen, die kosten die Gesellschaft schon so genug‘. Und auch dazu grinste der Jugendamtsleiter Raditz, wenn auch etwas peinlich berührt.“

 

"Aber ich möchte nicht feilschen und knausern müssen, bei wem mein Einsatz lohnt.“
„Tja, Hannes, da sind wir schon zu zweit.“

 

Zehn Prozent, das wäre schon eine Menge, wenn man bedenkt, dass im sozialen Bereich ungefähr so viele Menschen arbeiten wie in der deutschen Autoindustrie. Aber für die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten im Sozialbereich interessiert sich einfach niemand. Warum eigentlich?“
„Ist doch klar: Wir produzieren keine Autos, Miriam. Wir setzen uns ein für den Teil der Bevölkerung, den die meisten gar nicht zur Kenntnis nehmen wollen.“
„Deshalb werden wir gleich mit abgestraft?“
„Ich glaube, so ist es.“

 

"Dass das Kind heute so entwicklungsverzögert zu sein scheint, das liegt mit Sicherheit nicht an dem, was damals gemacht wurde, sondern daran, dass es aufgrund Ihrer Veranlassung damals nicht weitergemacht wurde.“

 

"Aber das Schicksal hatte Christine Hartig einen Drachen in der Person von Frau Herrmann zur Seite gestellt. Und niemand konnte ihn verscheuchen."

 

"Eine schöne Frau, ohne Frage, aber dennoch kein Grund für Elke, eifersüchtig zu werden. Da war etwas ganz Anderes passiert: Irene war in sein Leben getreten wie die lebendige Hoffnung. Worauf eigentlich?"

 

Er musste husten, als ihm in dem Moment klar wurde, dass er schon wieder dabei war, in ihrer Welt mit ihren Bällen zu spielen.

 

Hannes, was machen wir hier eigentlich? Warum ist es so unmöglich, Menschen tatsächlich zu unterstützen? Warum geht es nicht darum, Menschen zu helfen, sondern immer nur darum, dass die endlich spuren und funktionieren? Und nicht so viel Geld kosten. Und erst, wenn alles zu spät ist, dann werden sie auf einmal interessant…“
„Miriam, was soll ich sagen? Wir haben offenbar einen Scheiß-Job erwischt“ seufzte Hannes. „Wer heute Jugendhilfe machen will, der muss sich warm anziehen.“

 

 

Rezensionen

 

 

Rezension in Form einer -  als hervorragend bewerteten - Hausarbeit

4.10.2017

von Susanne Köszeghy, Studentin der Alice-Salomon-Hochschule Berlin

 

"Das Buch hinterlässt eine viel deutlichere Erinnerung als z.B. die fachlich fundierte Argumentation eines Vortrages"

 

Einleitung

Für das Seminar „Handlungsmethoden“ im 1. Semester B.A. Soziale Arbeit habe ich mich als Prüfungsleistung dafür entschieden, eine Rezension über den Roman „Zum Wohle“ von Mechthild Seithe zu schreiben, der sich kritisch mit der aktuellen Jugendhilfe im Spannungsfeld zwischen inneren ethischen Ansprüchen und äußeren betriebswirtschaftlichen Vorgaben der Träger und Ämter auseinandersetzt. Dieses Spannungsfeld thematisiert direkt aus der Praxis den Widerspruch zwischen dem angestrebten Standard der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession und der tatsächlichen Umsetzung in der konkreten Zusammenarbeit zwischen Sozialarbeiter_innen und den zuständigen Trägern und Ämtern.

 

1.1 Persönlicher Fokus
Ethische Normen und Wertvorstellungen waren Thema innerhalb des Seminares, ebenso das Doppel- bzw. Tripelmandat und die Sicht der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession. Das Buch „Zum Wohle“ behandelt die Probleme der alltäglichen Jugendhilfe, deren Ursprünge im Widerspruch stehen zu gerade diesen ethischen Normen oder auch den sich eigentlich aus Aufgabenbeschreibungen ergebenden Handlungsverpflichtungen. Daher betrachte ich den Roman aus diesem Blickwinkel und stütze ich mich dazu auf Literatur, die teilweise im Seminar bearbeitet wurde, sowie auf weitere Quellen, die die Sichtweise der Autorin näher beleuchten.

1.2 Die Autorin Mechthild Seithe ist Diplompsychologin und -sozialarbeiterin und war bis 2011 Professorin für Sozialpädagogik an der FH Jena. Sie setzt sich kritisch mit der Neoliberalisierung der Jugendhilfe auseinander und ist Gründungsmitglied des Unabhängigen Forums kritische Soziale Arbeit (www.einmischen.com).

1.3 Aufbau Das Buch spielt im Zeitraum von Sommer 2012 bis August 2015 und ist in 9 Großkapitel mit Prolog und Epilog unterteilt. Anhand der Überschriften ist der Ablauf der Erzählung bereits deutlich erkennbar. Diese Großkapitel setzen sich aus jeweils fünf bis sechs kleineren Kapiteln zusammen, die ebenfalls mit teilweise recht provokanten Titeln versehen sind („Soziale Arbeit kann doch jeder, oder?“ Seithe 2017, S.3). Meist wird aus der Perspektive der Hauptfigur Hannes Thaler erzählt, teilweise werden jedoch auch Gedankengänge einer Klientin wiedergegeben oder Situationen und Auseinandersetzungen der Kolleg_innen von Hannes.

 

Inhalt

Hauptfigur des fiktiven Romanes ist der Sozialarbeiter Hannes Thaler. Dieser steigt innerhalb des Trägers der evangelischen „Christenhilfe“ vom Sozialpädagogischen Familienhelfer zum Teamleiter auf. Dadurch distanziert er sich ungewollt von seinen ehemaligen Mitarbeiter_innen, für deren Belange er versucht zu kämpfen, aber an den strukturellen Gegebenheiten seines Trägers und seiner eigenen Position scheitert.


Der Verein „Aufwärts e.V.“, der für die Familienhilfe ungelernte Kräfte zu Dumpingpreisen einsetzt und Sozialpädagog_innen nur als Teamleitungen, der Geschäftsführer der „Christenhilfe“, ein ehemaliger Diakon, der sein Team aus Kostenersparnisgründen vor die Wahl stellt, die Gehälter der Angestellten um zehn Prozent zu kürzen oder betriebsbedingte Kündigungen auszusprechen, Hannes' neuer Träger mit dem beziehungsreichen Titel „SocialCare&Help“, der mangelhafte fachliche Arbeit in Kauf nimmt, um das eigene Familienhilfe-Angebot konkurrenzfähig zu erhalten – sie alle spiegeln die Schattenseiten der zunehmenden Ökonomisierung der Sozialen Arbeit.
Der Prototyp für diese ökonomische Herangehensweise ist die Jugendamtsmitarbeiterin Frau Herrmann. Bereits zu Anfang verweigert sie die zugesagte Sozialpädagogische Familienhilfe für Christine Hartig und ihre Tochter Anna, da Christine Hartig zwei Termine im Jugendamt nicht wahrgenommen hat. Christine Hartig ist zu diesem Zeitpunkt aus ihrer persönlichen Überforderungssituation heraus gar nicht in der Lage, Regelmäßigkeiten in ihrem Leben wahrzunehmen oder gar selbst zu implementieren, sie ist in diesem Stadium dringend auf Hilfe angewiesen, da sie auch ihrer Tochter keinen angemessenen Alltag bieten kann. Das Jugendamt in Gestalt von Frau Herrmann setzt für die Bewilligung von Hilfemaßnahmen aber eine aktive Bereitschaft zur Zusammenarbeit voraus, die Christine Hartig nicht leisten kann.

Auch im späteren Verlauf des Buches beurteilt Frau Herrmann an sie herangetragene Probleme von Klient*innen ausschließlich unter dem Gesichtspunkt von Effizienz und nachprüfbarem Ergebnis.

Hannes Thaler, im Verlaufe der Geschichte beim neuen Träger „SocialCare&Help“ zum Abteilungsleiter aufgestiegen, merkt nach einer euphorischen Einstiegsphase sehr schnell, dass sich auch weiter oben in der Hierarchie die strukturellen Einflussmöglichkeiten nur marginal geändert haben und ertappt sich dabei, unbewusst selbst die eigene Denkungsart anzupassen – von Seithe treffend mit „Schau in den Spiegel!“ überschrieben. Auf die neue Familienhelferin Irene Baumschneider setzt er die Hoffnung, die Kämpfe austragen zu können, die er aus Furcht vor Verlust seiner gesicherten Stellung nicht mehr direkt angehen kann und will. Diese kommt aus dem „Kritischen Kreis Soziale Arbeit“ und ist bei ihrer letzten Arbeitsstelle gekündigt worden, da sie sich dort nicht anpassen wollte. Ihre kritische Denkweise hat sie sich dadurch nicht austreiben lassen, auch wenn sie bei „SocialCare&Help“ deshalb erst einmal befristet eingestellt wird.

Hannes' Kämpfergeist erwacht, als ihm der Fall von Anna Hartig vorliegt, die nach einer vom Jugendamt aus sozialpädagogischer Sicht viel zu früh beendeten ambulanten Familienhilfsmaßnahme mehr als ein Jahr später bei der Schuluntersuchung auffällig geworden ist. Leidenschaftlich versucht er Frau Herrmann, die zur Arbeit an den massiven Entwicklungsstörungen des mittlerweile 7-jährigen Mädchens wöchentlich 3 Stunden für „vorschulspezifische Übungen“ zur Verfügung stellt, davon zu überzeugen, an der Wurzel von Annas Problemen und denen ihrer Mutter zu arbeiten. Schließlich lehnt er den Auftrag aufgrund der unrealistischen Vorgaben offiziell ab in der Hoffnung, dadurch das Jugendamt wachzurütteln. Resultat ist aber, dass Anna Hartig vom Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) mitbetreut wird und dadurch spezifische Förderungen in noch weitere Ferne gerückt ist.

 

Diese Entscheidung läutet letztendlich aber das im Kontext des Buches voraussehbare Ende ein: Christine Hartig rutscht in die Alkoholsucht ab. Auf der Suche nach Halt beginnt sie eine Beziehung mit dem gewalttätigen, ebenfalls alkoholabhängigen Rudo und vernachlässigt ihre Tochter erneut. Als das Jugendamt die Entwicklung erkennt, ist es zu spät. Nach dem Besuch der Amtspsychologin prügelt Rudo das „nervende“ Mädchen Anna zu Tode. Das Jugendamt weist alle Schuld von sich, im Gegenteil wird die „lasche Arbeit“ der zuvor zuständigen Familienhelferin bemängelt, die ihre Kontrollfunktion nicht ernst genug genommen habe. Hannes wird von seinem Träger Stillschweigen zu den Vorgängen verordnet, um weitere Zuweisungen von Fällen zu erhalten.

Parallel dazu wird der Vertrag der kritischen Sozialarbeiterin Irene nur für ein weiteres Jahr verlängert. Dass sie diesen Vertrag als eine Zumutung empfindet und von sich aus das Team verlässt, bedeutet für Hannes nur einen letzten Schlag.

 

 

Diskussion

 Mechthild Seithe ist seit Jahren eine Verfechterin der kritischen Sozialen Arbeit und geht dabei nicht nur mit der neoliberal-kapitalistischen Gesellschaft, sondern auch mit der eigenen Profession ins Gericht, der sie ein schwaches Selbstbewusstsein und daraus resultierend den stetigen Wunsch nach [1]staatlicher Anerkennung attestiert (vgl. Seithe 2013). Das grundlegende Problem, mit dem Hannes und seine Mitarbeiter_innen zu kämpfen haben, ist die Neuorganisation der Sozialverwaltungen (Neue Steuerung) mit dem Ziel der messbaren Effektivität (vgl. Galuske 2013, S. 155). Wo Galuske noch versuchte, sozialpädagogische Praktiker_innen von den Vorteilen des Kompetenzerwerbs im betriebswirtschaftlichen Denken zu überzeugen , prangert Seithe nunmehr vor allem die konkret erlebten negativen Gesichtspunkte der Neuen Steuerung in ihrer praktischen Umsetzung an . Diese ziehen sich als roter Faden durch alle Kapitel. Den Auftakt bildet die Rede einer Vertreterin des Bundesministeriums für Familie und Jugend anlässlich einer Arbeitsgruppe der Länder zur Kostenminimierung in der Jugendhilfe, die von den Lautäußerungen einer Gruppe Protestierender begleitet wird. Ein Textausschnitt aus deren Flugblatt fasst den Inhalt des Buches bereits im Vorfeld zusammen: „Es geht den Verantwortlichen längst nicht mehr um das Wohl der Kinder. Es geht ihnen um das Wohl der Politiker, der Amtsträger, der zu Betrieben aufgeblasenen Wohlfahrtsverbände und der Sozialunternehmen. Es geht ihnen am Ende nur um eins: Es geht ums Geschäft.“(Seithe 2017, S.10). Diese Problematik hat Seithe in einem Impulsvortrag im Rahmen einer Wiener Fachtagung 2015 konkret auf den Punkt gebracht. Zu mehreren der dort aufgezeigten Probleme finden sich im Roman praktische Beispiele:

• „Soziale Arbeit ist ein Markt geworden (Seithe 2014, S.3).“
Dieser Markt wird hier von vielen verschiedenen Trägern bedient, die sich gegenseitig mit Dumpingpreisen unterbieten. Ungelernte Kräfte sind kostengünstig für die Betriebe und konkurrieren teilweise mit ausgebildeten Sozialpädagog_innen, die so wenig verdienen, dass sie wie ihr Klientel den Verdienst aufstocken müssen.
• „Menschen wird die Verantwortung und ggf. die Schuld für ihre Probleme allein zugeschoben. (…)

 Unterstützung erhält man nur noch gegen entsprechende Gegenleistungen. Hilfepläne auch z.B. in der Kinderund Jugendhilfe, die einmal als Kommunikations- und Mitwirkungsinstrumente gedacht waren, geraten zu [2] Überprüfungs- und Kontrollinstrumenten.“ (Ebd., S.4)


Der Geschäftsführer der „SocialCare&Help“ ist froh, dass seiner Firma eine unzuverlässige Klientin – Christine Hartig mit ihrer Tochter Anna - „erspart bleibt“, über deren Geschichte er gut informiert ist (Seithe 2017, S.237). Er erwartet von seinen Klient_innen, dass die gewährten Hilfen dankbar angenommen werden, vom Recht der Klient_innen auf Beteiligung (Beschluss S.30) im Sinne des Ethikkodices von IFSW (International Federation of Social Workers) und IASSW (International Association of Schools of Social Work) ist nicht die Rede. Auch auf den besonderen Schutz von Mutter und Kind, der in den Menschenrechten verankert ist (Menschenrechte, Artikel 25 Abs. 2), nimmt er keine Rücksicht. Christine Hartig hat durch ihr Unvermögen, das Hilfsangebot anzunehmen, für ihn den Anspruch auf weitere Maßnahmen verwirkt.
Die Jugendamtsmitarbeiterin Frau Herrmann ist ein weiteres Beispiel. Sie nimmt ihre Kontrollfunktion im Sinne der bestimmenden/ zuweisenden Machtausübung sehr stark wahr, im direkten Kontakt mit der Familie aber nur oberflächlich. Reglementierende Briefe schreibt sie, begnügt sich bei der Betreuung über den ASD aber dann damit, in regelmäßigen Abständen an der Tür zu klingeln, wo sie von der Mutter aber nicht hineingelassen wird. Sie zeigt keinerlei Interesse oder Eigeninitiative, obwohl sie im Vorfeld ja mehrfach von verschiedener Seite über die bedenkliche Situation der Familie informiert wurde.
• „Selbständig denkende SozialarbeiterInnen sind nicht wirklich erwünscht (Seithe 2014., S.7).“
Irene Baumschneider, Mitglied im Kritischen Kreis Soziale Arbeit, erhält nur einen Jahresvertrag, da „Social Care&Help“ sich die vorher im Betriebsrat engagierte, möglicherweise renitente neue Mitarbeiterin erst anschauen möchte. Auch als Vertragsverlängerung wird ihr erneut nur ein Jahr angeboten, da sie sich zwischenzeitlich zu sehr für teure Leistungen für ihre Klient*innen stark gemacht hat. Sie zeigt daraufhin die Größe, diese Vertragsverlängerung nicht anzunehmen („So lasse ich nicht mit mir umgehen.“ Seithe 2017, S. 328).
Somit erweist sich Irene Baumschneider als letztendlich kompromisslose Verfechterin des Ethikkodices und damit des Tripelmandates der Sozialen Arbeit, in dem es eben nicht nur um Hilfe und Kontrolle, sondern auch um die eigene Ethik und die der Profession geht.

 

Zusammenfassend gesagt, stellt Seithe den moralischen Konflikt zwischen dem betriebswirtschaftlich forcierten Case management3[3] und den hohen Ansprüchen der Profession Soziale Arbeit dar (vgl. Großmaß, Perko 2011, S.42). In Form eines Romanes ist es der Autorin möglich, die emotionale Ebene anzusprechen, die bei theoretischen Diskussionen eher vermieden wird. Sprachlich enthält sie sich bewusst einer professionellen Fachsprache, sowohl der Verlaufstext wie auch die einzelnen Unterhaltungen sind umgangssprachlich gehalten. Die inneren Vorgänge der „guten“ Protagonist*innen – allesamt Praktiker_innen der Sozialen Arbeit oder deren Klientel - sind jederzeit nachvollziehbar. Sie bleiben menschlich sympathisch, ihre Ohnmacht ist die Ohnmacht von uns allen bzw. ihre Beweggründe für das eigene Handeln und Nichthandeln sind dem alltäglichen Verhaltenskodex entnommen. Die „Bösen“, hier die Vertreter*innen der Neuen Steuerung in den unterschiedlichen Ämtern und Trägern, erscheinen vergleichsweise konturlos in ihrem Verhalten. Das Ende, in seiner Unausweichlichkeit trotzdem überraschend, hinterlässt eine viel deutlichere Erinnerung als es z.B. die fachlich fundierte Argumentation eines Vortrages könnte und dient als Appell an das eigene Gewissen und dadurch als indirekte Aufforderung, endlich im Sinne der Profession tätig zu werden.

 

 Fazit

 4.1 Zusammenfassung

Die Figur des Hannes Thaler ist ein Synonym für die Hilflosigkeit einer durch teilweise menschenverachtende Vorgaben des Qualitätsmanagements sinnlos werdenden Jugendhilfe, in der die Sozialarbeiter_innen vor Ort die Abwärtsspirale ihrer Klient_innen diagnostizieren und beobachten, diese aber nicht verhindern können. Als Zielgruppe für dieses Buch sehe ich Studierende und Praktiker*innen (hier schließe ich die Wissenschaft absolut mit ein!) der Sozialen Arbeit und vergleichbarer Berufe.
Die Frage, die sich diesen Leser_innen nach dem Lesen stellt, ist: In wie weit ist die Profession der Sozialen Arbeit als solche gefordert, mit allen Mitteln der voranschreitenden Neoliberalisierung der Sozialen Arbeit selbstbewusst entgegenzutreten? Kann sie das überhaupt? Und was bedeutet das konkret für jede:n einzelne:n? Die Frage bleibt offen wie das Ende des Buches.

 

4.2 Persönliche Erfahrungen

Persönliche Erfahrungen mit Neoliberalisierungstendenzen hatte ich bislang nur im privaten Umfeld. In diesem ersten Semester meines Studiums war ich begeistert ob des Vorhandenseins des Ethikkodices und der Möglichkeiten des Tripelmandates und wurde nun direkt im Anschluss im Kontext dieser Hausarbeit mit der Realität, dem Fortschreiten der vorwiegend betriebswirtschaftlich ausgerichteten Arbeitsweise von Ämtern und Trägern der Sozialen Arbeit konfrontiert.
Dieses Buch beeinflusst mich gerade sehr: in der Wahl von Literatur, in der Ausbildung kritischer Gedanken zum Thema, im Interesse an Projekten, die mit der Kritischen Sozialen Arbeit zu tun haben, auch wenn ich mich erst am Anfang meines Studiums befinde. Ich hoffe, dass ich mir dieses kritische Hinterfragen bewahren und es in meine Arbeit mitnehmen kann. Das Schreiben einer Rezension als Hausarbeit war für mich sehr produktiv. Herausfordernd war für mich persönlich, den Aufbau einer wissenschaftlichen Rezension aus unterschiedlichen Quellen nachzuvollziehen und für mich passend umzusetzen. Grundsätzlich kann ich diese Art des Leistungsnachweises sehr empfehlen.

  

Literaturverzeichnis

  • Beschluss der International Federation of Social Work (IFSW) und der International Association of Schools of Social Work (IASSW) in 2004, in: Forum Sozial 4/2014, S. 29f. 
  • Galuske, Michael, Methoden der Sozialen Arbeit. Eine Einführung, Weinheim und Basel 2013
  • Großmaß, Ruth, Perko, Gudrun, Ethik für Soziale Berufe, Paderborn 2011
  • Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, online abrufbar unter: https://www.menschenrechtserklaerung.de/die-allgemeine-erklaerung-dermenschenrechte-3157/ , abgerufen am 09.08.2017 
  • Seithe, Mechthild, Zur Notwendigkeit der Politisierung der Sozialarbeitenden, in: Sozialmagazin 1-2 2013, online abrufbar unter: http://www.dhs.de/fileadmin/user_upload/pdf/Newsletter/NL4-2014_Artikel_Sozialmagazin.pdf abgerufen am 01.07.2017
  • Seithe, Mechthild, Problematische Entwicklungen in der Sozialen Arbeit, Vortrag 2015, online abrufbar unter http://zukunftswerkstatt-soziale-arbeit.de/wp-content/uploads/2014/12/Impulsvortrag-Seithe.pdf, abgerufen am 23.06.2017
  • Seithe, Mechthild, Zum Wohle. Roman zur Lage der Kinder- und Jugendhilfe, Oranienburg, 2017


[1] „Auch wenn vielen SozialarbeiterInnen diese betriebswirtschaftliche Landnahme suspekt erscheint (…), führt kein Weg daran vorbei, dass angesichts der Krise der öffentlichen Haushalte auch die Angebote der Sozialen Arbeit in einen Reflexions- und Reorganisationsprozess einbezogen werden, der die Erhöhung der Leistungsfähigkeit der entsprechenden Organisationseinheiten zum Ziel hat.“

[2] Einige der im Buch erzählten Situationen kennt Seithe aus eigenem Erleben oder aus Berichten, die sie gesammelt hat (vgl. Seithe 2015). Sie sind auch zu finden in: Seithe, Mechthild, Wiesner-Rau, Corinna, „Das kann ich nicht mehr verantworten!“: Stimmen zur Lage der Sozialen Arbeit“, Neumünster 2013

[3] Auch Galuske weist auf die problembehaftete Methode des „Case management“ hin: „Gerade im Horizont der Rezeption in der Arbeits- und Sozialverwaltung erweist sich das Case Management als ein sozialtechnologisches Instrument der Anpassung Sozialer Arbeit an den neuen, neoliberalen Zeitgeist des aktivierenden Sozialstaats, der auf mehr Konkurrenz, Effizienz und Kontrolle setzt.“ (Galuske 2013, S.208)

 

 

"Lehrroman der kritischen sozialen Arbeit"

07.04.2017

Der Roman „Zum Wohle“ von Mechthild Seithe, die selbst aus der Sozialen Arbeit kommt, erzählt aus dem Leben von Hannes Thaler, einem engagierten Sozialarbeiter, der sich inmitten der fortschreitenden Neoliberalisierung der Kinder- und Jugendhilfe, trotz bester Absichten in seinen Karriereschritten verstrickt.

Auch wird von Christine Hartwig und ihrer Tochter Anna erzählt, die aus Kostengründen nicht ausreichend Hilfe vom Staat bekommen und den Konsequenzen davon.

 Nach zahlreichen Berufsjahren in der Sozialpädagogischen Familienhilfe steigt Hannes Thaler mit der Zustimmung seines Teams zum Teamleiter auf. Er baut darauf, aus dieser Position bessere Arbeitsbedingungen für seine Kolleg*innen zu schaffen und sich besser gegen die problematischen Entwicklungen in der Kinder- und Jugendhilfe zur Wehr setzen zu können. Doch diese Rechnung wird nicht aufgehen. Hannes Thaler erlebt, wie wenig er bewegen kann, wie er mehr und mehr in eine Sandwich-Position und in Loyalitätskonflikte gerät, Kürzungen und Stellenreduktionen mit durchsetzen muss und sich trotz aller Gegenbemühungen immer weiter von der Basis entfernt. Und er leidet daran, tut sich aber auch schwer, den neu erlangten Status wieder aufzugeben. Thalers Situation spitzt sich zu und es kann kein Happy End geben.

 Einer der „Fälle“ die Hannes Thaler mit bewegt und trotz besseren Wissens doch nicht wenden kann, sind Christine Hartwig, eine alleinerziehende ALG-II-Empfängerin, und ihre 4jährige Tochter Anna. Nach dem erfolgversprechenden Beginn einer Sozialpädagogischen Familienhilfe für die Beiden, wird diese viel zu schnell wieder durchs Jugendamt eingestellt: Nachdem es die Mutter ein paar Mal geschafft hat, ihre Tochter wieder in die Kita zu bringen, geht man dort davon aus, dass das angestrebte Zeil der Hilfe erreicht worden sei. Aber das ist viel zu kurzgegriffen.  Obwohl die Mutter die Hilfe unbedingt fortsetzen möchte, wird die „Maßnahme“ beendet. Christine und ihre Tochter sind nun wieder alleine auf sich gestellt - und die Probleme nehmen ihren Lauf.

 Die Geschichte von Hannes Thaler, Christine Hartwig und den anderen Protagonisten aus „Zum Wohle“ spielt in einer Gegenwart, die von der gesamtgesellschaftlichen Umsteuerung im neoliberalen Sinne und damit von der Vermarktlichung auch des Sozialen geprägt ist. Dies bedeutet für die Soziale Arbeit und hier die Kinder- und Jugendhilfe unter anderem auch die Gleichstellung gewinnorientierter mit gemeinnützigen Trägern und eine Bewertung der Arbeit hauptsächlich nach ökonomischen Gesichtspunkten. Die notwendigen Voraussetzungen für eine „gute“ Soziale Arbeit werden von Verwaltung und Politik verweigert und die Arbeitsverhältnisse der Sozialarbeiter*innen prekarisiert. Aus Gründen der Effizienz wird oft keine oder eine nur unzureichende Hilfe gewährt.
Wie sich Sozialarbeitende - in ständigem Kampf mit diesen Widersprüchen - in diesen Verhältnissen zu bewegen versuchen, ohne ihre fachlichen Ziele aufzugeben, davon handelt dieser Roman.

 

Angesichts des realpolitischen Hintergrundes ist „Zum Wohle“ kein leicht verdauliches, wie wohl ein differenziertes und doch kurzweiliges Buch ohne Längen. Die Autorin schafft es ihren Figuren angemessen zu begegnen und deren Handeln, Denken und Fühlen unter den jeweiligen Bedingungen zu beschreiben, ohne die Menschen vorzuführen. Auch die Nebenfiguren sind gut ausgearbeitet und tragen ihren Teil zur Geschichte bei, so Elke, Hannes pragmatische und durchaus aufstiegsorientierte Ehefrau, oder Alenka, Bekannte von Hannes, Kroatin, die als gelernte Ingenieurin bisher als Reinigungskraft arbeitet und nun die Chance bekommt, bei einem der neuen Sozialen Träger als Ungelernte Sozialarbeit zu machen.

Vor allem aber schafft es die Autorin, zum Nachdenken zu bewegen.

Mechthild Seithe hat nach zahlreichen Sachbüchern mit ihrer ersten Prosaveröffentlichung einen, man könnte sagen, Lehrroman der kritischen sozialen Arbeit geschrieben, den es zu lesen lohnt!

 Rezensentin: Corinna Wiesner-Rau,

Die Rezension wird veröffentlicht in sozial extra 3/17

 

 

 

"...einen Platz im Buchregal eines jeden Sozialarbeiters verdient "

 11.04.2017

In ihrem Roman „Zum Wohle!“ entwickelt die Autorin Mechthild Seithe anhand ihres Protagonisten Hannes Thaler ein brandaktuelles und profundes Bild der gegenwärtigen Jugendhilfe in Deutschland. Die Autorin zeichnet die individuelle Entwicklung des Hauptdarstellers nach und entwirft dabei eine eindrückliche Skizze seines Arbeitsfeldes, der sozialen Arbeit, die sie in die fachliche und politische Debatte über die heutigen Entwicklungen der Jugendhilfe einbettet.

Der Leser begleitet Hannes auf dem Weg vom fachlich fundierten und kritischen Familienhelfer über die Sprossen der Karriereleiter in die mittlere Leitungsebene.
Gefeiert wird seine berufliche Entwicklung nicht nur von seiner Frau Elke, sondern auch von zwei befreundete Paaren, einem Sozialwissenschaftler ohne Stelle und seiner Frau, die putzen muss, weil ihr ausländisches Diplom nicht anerkannt wird, sowie der studierte Kneipenwirt Carlos und seine ihm ergebene Frau Melanie, Leiterin eines Reisebüros. Die drei Paare treffen sich in größeren Abständen, um nach dem traditionellen lukullischen Festmahl im gemütlichen Kreis über ihre aktuellen Erfahrungen, Sorgen und Pläne diskutieren.

Über den Zeitraum von drei Jahren hinweg, in dem der Roman Hannes Thaler auf seinen spannungsvollen und belastenden Wegen begleitet, erlebt der Leser außerdem die sich zunehmend prekär entwickelnde Lebenswirklichkeit einer alleinerziehenden Mutter und ihrer kleinen Tochter, die als Adressatinnen der Jugendhilfe die bedenklichen Verwerfungen in diesem Feld im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leib erfahren. Dieser brisante und exemplarische „Fall“, der sich durch den gesamten Roman zieht, spielt für Hannes Thaler und seine Kolleginnen eine zentrale Rolle.

Ein weiterer Handlungsstrang des Romans dreht sich um die Aktivitäten und das berufliche und persönliche Leben von drei kritischen und politisch aktiven Sozialarbeiterinnen - wobei es auch hier immer Verbindungen zu den anderen Handlungsebenen gibt.

Der Verlauf der Handlung ist geprägt von Charakteren, die in ihrer literarischen Zeichnung für den Leser das Potential zur Identifikation bieten. Die Handlungen zeichnen sich durch Lebensnähe aus, jedoch ohne den Charme der Fiktion des Genres zu verspielen. Die Gestaltung der gesellschaftlichen und fachlichen Umgebung ist gut nachvollziehbar, ohne dass sie ins Faktuale gerät. Der Bogen wurde auf eine elegante und doch durchdringende Art gespannt, so dass der Leser im Verlaufe des Leseprozesses zunehmend auf die Katharsis und Auflösung hin fiebert.

Besonders hervorzuheben ist: Der Roman verzichtet auf einfache Antworten, auf plumpe Schwarz-Weiß-Zeichnung und auf holzschnittartige Darstellungen der Personen. So sind z.B. die Figuren differenziert und in all ihrer Ambivalenz gezeichnet. Und obwohl Mechthild Seithe auf Missstände pointiert und deutlich hinweist, übt sie sich nicht in reißerischen Formulierungen. Der Leser wird im besten Sinne dazu angeregt, sich in der Auseinandersetzung mit dem Stoff seine ganz eigene Haltung zu erlesen und zu finden.

Der Roman „Zum Wohle“ hebt sich mehr als wohltuend ab von den üblichen Schilderungen sozialer Arbeit und Jugendhilfe. Ist einer breiteren Öffentlichkeit die Situation von Sozialarbeitern und Klienten häufig nur in boulevardesker Form von Vorabendserien in „scripted reality“ und reißerischen Aufmachern auf den Titelblättern bekannt, so bietet sich hier eine einmalige Möglichkeit, eine andere, eine authentische Realität kennen zu lernen.

Mechthild Seithe gelingt es, die Gattung Roman auf verschiedensten Ebenen auf das Beste zu bedienen:
Als Leser fühlt man sich hervorragend unterhalten, da der Plot – auch völlig unabhängig vom Inhalt - spannend und fesselnd gestaltet ist. Die Figuren und hier vor allem der Protagonist sind in all ihrer Ambivalenz sind der Motor der die Geschichte nach vorne bringt.
Auf diese Weise vermittelt sich nicht nur dem lesenden Sozialarbeiter, sondern auch dem Leser ohne „Stallgeruch“, eine nachvollziehbare, schonungslose und kritische Sicht auf den Zustand von Jugendhilfe und sozialer Arbeit in unserer Zeit.

Zusammenfassend lässt sich feststellen: Der Roman ist unterhaltsam, spannend, realitätsnah und in seiner Erzählweise gradlinig und schonungslos. Er zeichnet ein ehrliches, aber ebenso empathisches Bild von der Lage der Menschen am Rand unser Wohlstands- und Überflussgesellschaft und von den Menschen, die genau dort als professionelle Sozialarbeiter arbeiten. Bei allem macht der Text unmissverständlich klar, was ein „Weiter so“ für Helfer und Geholfene bedeutet.

Wofür das Buch aber auf jeden Fall einen Platz im Buchregal eines jeden Sozialarbeiters verdient hat, ist die klare Reflexionsfläche, der man sich stellen muss, wenn man diesen Roman liest und sich auf ihn einlässt. Möglicherweise kann dieses Buch, mehr noch als die Fachpublikationen der Autorin, dazu beitragen, dass es Menschen gelingt, eine neue, kritische Position für sich zu beziehen: zu ihrer Arbeit als Sozialarbeiter in einer höchst problematischen Zeit und zu den Betroffenen, die die Leidtragenden dieser Fehlentwicklung sind. Denn: „Nur ein bewusst gelebtes Leben ist ein gutes Leben“ – Sokrates.

Alle anderen werden aufs Beste unterhalten und erhalten einen realistischen und spannenden Einblick in eine Welt die genauso zu uns allen gehört.

Rezensent: Florian Bode

 

Die Rezension wird veröffentlicht in "Forum Sozial" 5/17

 

 

 

 "worum es in der Sozialen Arbeit geht, was an der Arbeit schön aber auch sehr belastend bis unerträglich sein kann"

 

28.4.2017

Mechthild Seithe, eine Doyenne der deutschen Sozialarbeit und unter anderem Autorin des „Schwarzbuch Soziale Arbeit“ sucht mit dem Roman "Zum Wohle" einen anderen Weg, sich mit derzeitigen Lage in der deutschen Kinder- und Jugendhilfe auseinanderzusetzen. Der Roman „Zum Wohle“ spielt in einer Gegenwart, die von der gesamtgesellschaftlichen Umsteuerung im neoliberalen Sinne und damit von der Vermarktlichung auch des Sozialen geprägt ist, Entwicklungen gegen die sie in ihren anderen Büchern angeschrieben hat. „Aber ich kenne und liebe dieses Arbeitsfeld und diesen gesellschaftlichen Bereich und ich möchte ihm nach fast 40 Jahren der Verbundenheit ein Geschenk machen, ein Denkmal setzen und die Bedingungen für seine Rettung definieren.“ (Seithe 2017, ) Auf diese Weise versucht sie wohl auch eine breitere Leserschaft anzusprechen, die über kein professionelles sozialarbeiterisches Wissen verfügt.

„Der Markt treibt der Sozialen Arbeit die Seele aus.“ (Seithe 2010,146). Und wie das passiert, zeichnet sie anhand der gut gezeichneten Figuren im Roman nach.

Die Protagonist_innen bestehen aus Hannes, Sozialarbeiter mit Leistungsambitionen, der alleinerziehenden Christine, deren Tochter Anna und der Familienhelferin Irene.

Hannes bewirbt sich erfolgreich um eine Leitungsposition, aber er muss ohnmächtig zusehen, wie Kinder und Jugendliche im Stich gelassen werden und Hilfen zu spät oder halbherzig kommen, wie beispielweise für die kleine  Anna und ihre Mutter Christine. Er versucht trotzdem, seine Sandwichposition mit den verschiedenen Rollenerwartungen seitens der Leitung und den Mitarbeiter_innen auszubalancieren. Er scheitert und findet nach einem halben Jahr eine Stelle in einem „Sozialkonzern“. Aber auch hier muss er erkennen, dass man von ihm als Leiter vor allem erwartet, die Anweisungen und Interessen seiner Arbeitgeber nach unten durchzusetzen. Seine Hoffnung auf mehr Macht und Einfluss indes erweist sich als Fehleinschätzung.

Seine Familie, seine Freunde und die Kolleginnen Miriam, Heike und Irene vom „Kritischen Kreis Soziale Arbeit“ begleiten ihn durch die Höhen und Tiefen seines Dilemmas. Hannes Thaler steht wieder zwischen allen Stühlen. Mehr soll zum Inhalt des Romanes nicht verraten werden.

Zum Hintergrund: Sozialarbeiter_innen und Sozialpädagog_innen gehören zu den berufstätigen Gruppen mit der höchsten Burnout Rate. Gegenwärtig entwickelt sich die Soziale Arbeit im Rahmen einer konservativ autoritären und neoliberalen Ideologie zur bloßen Verwahrung bis hin zum Ausschluss derer, die nicht bereit und in der Lage sind, den Habitus der Leistungsgesellschaft zu übernehmen. (Seithe 2017)

Eine inzwischen pensionierte Sozialarbeiterin schrieb‘ mir zum Buch: „Spannendes Buch, hab es in kurzer Zeit gelesen, weil ich wissen wollte, wie es weitergeht, hat mich frappierend an viele Situationen in den letzten Berufsjahren erinnert. Natürlich nicht nur die ständige Erinnerung ans fehlende  Geld, von den Mitarbeiter_innen wurde in der Folge erwartet, dass sie ihre Arbeitszeit kürzen. Ich fragte mich, warum waren sie in der Zentrale nicht bereit Arbeitszeitverkürzungen auf der Leitungsebene zu machen. Sie haben den ganzen Apparat so aufgebauscht und die Verwaltung war das Wichtigste.  Und dazu die überbordende Dokumentation, die Verschärfung der Kontrolle, weil man ja den Sozialarbeiter_innen keine professionelle Arbeit zutraut. Es wurde immer unerträglicher.  Ja so sah ich diese ganze neoliberale Entwicklung, nicht nur im sozialen Bereich,  aber vor allem.“

Das Buch kann dazu beitragen, auf diese Entwicklungen, besonders auch auf deren Auswirkungen auf die betroffenen Klient_innen genauer hinzuschauen, denn „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ (Theodor W. Adorno)

Ich wünsche dem Buch viele Leser_innen! Es kann in der Praxis stehenden Sozialarbeiter_innen, die in so beschriebenen Arbeitsbedingungen gefangen sind, einen Spiegel vorhalten. Und wie eingangs schon angemerkt  kann es Fachfremden vermitteln, worum es in der Sozialen Arbeit geht, was an der Arbeit schön aber auch sehr belastend bis unerträglich sein kann.

Waltraud Kreidl

 

Quellen:

Seithe Mechthild, http://zum-wohle-roman.com/, Abruf am 11.04.2017

Seithe Mechthild, Schwarzbuch Soziale Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2010

 

wird veröffentlicht in der  Zeitschrift des Österr. Berufsverbandes